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90 Jahre Vulkaniseur-Handwerk in Wismar

1927 - 2017

Die Anfänge in der Lübschen Straße

Am 21. Februar 1927 eröffnete der gerade 24-jährige Hans Roolf mit einem Barvermögen von 13,50 Reichsmark eine „Vulkanisieranstalt“, auf dem Hinterhof in der Lübschen Straße 46. Eine strategisch gute Lage an der Hauptverkehrsstraße zwischen Lübeck und Rostock – hier mussten sie alle vorbeikommen. Damit gehört das heutige Unternehmen „Auto Roolf“ zu den ältesten Unternehmen der Stadt, die durchgängig in privater Familienhand verblieben.


Firmengründer Hans Roolf war überzeugt von seinem Unternehmen, davon, dass er das trotz der geringen finanziellen Mittel schaffen würde – auch angesichts einer sehr schwierigen wirtschaftlichen Zeit der aufkommenden Weltwirtschaftskrise. Er reparierte unter anderem Förderbänder und natürlich Reifen für alle Fahrzeugarten. Um die zahlreichen Kundennachfragen zu befriedigen, kommt wenig später der Handel mit Reifen dazu.


1929 heiratete Hans Roolf Anneliese Rickert und zog fortan zusammen mit ihr den „Unternehmerwagen“. Hans arbeitete in der Werkstatt und Anneliese machte den Kundendienst. Sie brachte die fertigen Schläuche und Reifen zu den Kunden in der Stadt aber auch in der Region, alles ohne eigenes Fahrzeug, zu Fuß und mit der Bahn. Die Kunden wussten das zu schätzen. Es ergab sich zwangsläufig, dass die alten Werkstatträume zu klein wurden.


Das Unternehmen wächst

So erwarb man zur Erweiterung der Geschäftsräume das Haus Lübsche Straße 80. Am alten Standort hatte Hans Roolf inzwischen zusätzlich eine Tankstelle eingerichtet, denn wie gesagt – hier kommen alle vorbei! 

Umbauarbeiten machten den neuen Standort attraktiver, den man nun auch über eine Zufahrt von der Wallstraße erreichen konnte. 1936 wurde die Vulkaniseur Werkstatt im Keller eingerichtet und die Werkstatt in der Lübschen Straße 46 ganz aufgegeben.


Ende 1934 wurde der einzige Sohn von Hans und Anneliese Roolf, Hans Roolf jun., in der Lübschen Straße 80 geboren.

Die Geschäftslage entwickelte sich so gut, dass die Umsätze 1937 schon 175.378 Reichsmark betrugen. Wenn man die Anfänge mit 13,50 Reichsmark betrachtet, spricht das für den Fleiß des Ehepaares Roolf. Unterstützt wurden sie nun durch zwei Monteure, einen Buchhalter und eine Stenotypistin. Wie in ganz Deutschland, so war der Beginn des Krieges 1939 auch eine Zäsur bei Reifen Roolf.


Hans Roolf wird zur Wehrmacht eingezogen und vorsorgehalber überträgt er seiner Frau die Prokura über das Unternehmen. Das war sehr weit vorausschauend. 1940 musste Anneliese Roolf wegen der Rationierung von Treibstoff auch die Tankstelle schließen und demontieren. Mit zunehmender Kriegsdauer verschärfte sich die Lage und der Reifenhandel kam zum Erliegen. Man stützte sich nur noch auf das Flicken der alten Reifen und Schläuche. Arbeit gab es genug. Die hörte auch nicht auf, als Wismar zuerst von den Engländern und ab 2. Juli 1945 von der Roten Armee besetzt wurden.


Selbst ist die Frau

Hans Roolf kam aus dem Krieg zurück und die Rote Armee brachte jede Menge von Reparaturen, die zum Teil auch in Naturalien bezahlt wurden, worüber man sehr froh war. Dabei hatten die Kunden das zu fertigende Material selbst mitzubringen. Es fehlte in dieser Zeit an allem.

Ab 1949 führte Anneliese Roolf den Betrieb allein und bekam gleichzeitig „Wind von vorne“, denn man hatte von Seiten der Handwerkskammer Bedenken, dass eine Frau das Geschäft alleine führen kann. Erst das energische Auftreten mit dem Hinweis auf über 23 Jahre Selbständigkeit räumte alles aus dem Weg.


Ab 1952 firmierte das Unternehmen dann unter der Bezeichnung: „Hans Roolf, Vulkanisierwerkstatt und Runderneuerungen“ und beschäftigte insgesamt acht Mitarbeiter. Die Meisterprüfung hat Anneliese Roolf nie abgelegt. Sie hatte überhaupt keine Zeit, sich auf die Meisterprüfung vorzubereiten, da sie täglich selbst in der Werkstatt stehen und dort als Frau die schmutzigen und körperlich anstrengenden Arbeiten erledigen musste, die sonst nur Männer machten. 1954 war das Unternehmen zum umsatzstärksten Vulkanisierbetrieb in Wismar geworden.


Zwischenzeitlich hatte Hans Roolf jun. sein Abitur an der Großen Stadtschule gemacht und wenn er auch vorher an ein Studium der Wirtschaft oder Geschichte gedacht hatte, so fing er doch im elterlichen Betrieb an, um die Familientradition fortzusetzen. Ab 1956 arbeitete Hans Roolf jun. im Unternehmen als frischgebackener Vulkaniseur und 1959 legte er seine Meisterprüfung ab. 1956 heiratete er Gerda Beyer und aus dieser Ehe gingen die Kinder Hans-Benno, Andrea und Michael hervor. Am 1. Februar 1960 übernahm Hans Roolf mit seiner Frau Gerda den Handwerksbetrieb, der den Namen seines Vaters trug.


Durch die DDR, zur unternehmerischen Freiheit

Nun konnte die Firma auch endlich in die Handwerksrolle eingetragen werden. Trotzdem traten Schwierigkeiten auf, die den Fortbestand des Unternehmens gefährdeten. So wurde in der sozialistischen Planwirtschaft nicht für den Bedarf geplant und das führte natürlich zu Engpässen bei Reifen. Hinzu kam, dass es sehr schwierig war die richtigen Fachleute zu bekommen, von der Lehrlingsausbildung überhaupt nicht zu reden. Als besonders gefährlich erwies sich der Versuch des Staates, private Unternehmen zu verstaatlichen oder in eine Genossenschaft zu pressen. 

Glücklicherweise gelang es Hans und Gerda Roolf ihr Unternehmen im Privatbesitz zu erhalten. Man hat damals überhaupt nicht erkannt welche wertvollen Reserven gerade die Familienbetriebe mit ihren Wertevorstellungen und der Verantwortung gegenüber ihren Kunden aber auch Mitarbeiter tragen. Seit dem 1. August 1979 wurde Hans Roolf durch seinen jüngeren Sohn Michael in der Firma unterstützt. Michael Roolf hatte eine zweijährige Vulkaniseurausbildung absolviert und im Juni 1979 bestand er schließlich seine Facharbeiterprüfung und konnte damit in die elterliche Firma einsteigen.


Im April 1984 legte schließlich auch Michael Roolf seine Meisterprüfung im Vulkanisierhandwerk erfolgreich ab. Am 1. August 1990 übernahmen Michael und seine Ehefrau Heidelore Roolf die Firma und gründeten die Roolf Reifen & Autoservice GmbH. Die neuen Möglichkeiten nach der „Wende“ nutzten beide und schnell wurde klar, dass die Kapazitäten am alten Standort erschöpft sind. Es ergab sich die Gelegenheit, die ehemalige Betriebskantine des KIB Wismar in der Schweriner Straße zu erwerben, die sie dann zu dem heutigen Unternehmen ausbauten. Hier wurde 1993 auch das Mazda-Autohaus eröffnet. 

Mit der Erfahrung von 90 Jahren in die Zukunft

Der Unternehmensbereich des Mazda-Autohauses wird seit 2006 gemeinschaftlich mit dem Autohaus Sachs betrieben. Während der Mazda Neuwagenverkauf nach wie vor durch das Autohaus Sachs betreut wird, liegen der Gebrauchtwagenverkauf und der Mazda Werkstattservice in der alleinigen Verantwortung des jetzt als Auto Roolf GmbH & Co. KG firmierenden Familienunternehmens.


Derzeit beschäftigt das Unternehmen insgesamt 13 Mitarbeiter. Neben dem Reifenservice wurden hier auch Achsvermessungen, Kfz-Reparaturen und ein TÜV-Service angeboten. Seit 90 Jahre ist der Name Roolf ein fester Bestandteil der Kaufmannschaft in Wismar. Die Geschichte der Unternehmerfamilie ist damit nicht nur die Geschichte eines Unternehmens, sondern zugleich auch ein Stück Geschichte der Hansestadt Wismar.